
By MMag. Karin Hiebaum de Bauer
Wien. Die Stadtregierung von Wien plant, die obligatorische Volksschulzeit von derzeit vier auf sechs Jahre auszuweiten. Die Initiative, die von Bildungsstadträtin Bettina Emmerling (NEOS) vorangetrieben wird, soll Teil eines umfassenderen Reformpakets im Bildungs- und Betreuungssystem sein. Zusätzlich zu dieser geplanten Verlängerung läuft derzeit eine Kampagne, die unter dem Motto „Das, was wirklich zählt“ stehen soll – sowohl für eine Reform im Kindergartenbereich als auch für die Schaffung besserer Rahmenbedingungen für Schüler:innen und pädagogisches Personal.
Worum geht es bei den Plänen?
Nach den Vorstellungen der NEOS-Stadtregierung soll Wien zur Modellregion für eine sechsjährige Volksschule werden. Die Verlängerung ziele darauf ab, den Leistungsdruck zu reduzieren, frühzeitige Leistungs-Selektion zu vermeiden und Kindern mehr Zeit zu geben, sich vor einer Entscheidung über ihren weiteren Bildungsweg zu entwickeln. Gleichzeitig gehört zur Initiative auch eine Reform des Kindergarten-Fördersystems, die im März vorgestellt werden soll.
Opposition kritisiert PR statt Reformen
Die geplante Kampagne sowie der Vorschlag zur Verlängerung der Volksschule stoßen bei Teilen der politischen Opposition auf scharfe Kritik:
- FPÖ–Bildungssprecher Maximilian Krauss und andere Gegner sehen in der Kampagne ein Ablenkungsmanöver. Sie argumentieren, dass die Stadtregierung damit Symptome wie Personalmangel oder mangelnde Sprachkompetenz schönrede, statt echte strukturelle Reformen anzugehen. Eine reine Marketing- oder Werbeaktion könne den tatsächlichen Herausforderungen im Bildungswesen nicht gerecht werden, so Krauss.
- Auch die ÖVP kritisierte, dass eine Neos-Kampagne kein Ersatz für konkrete Maßnahmen wie mehr Deutschförderung, personelle Aufstockung oder eine funktionierende Fördermittelkontrolle sei.
- Vertreter der Grünen äußerten, es sei „fahrlässig“, sich lieber mit Schlagworten zu beschäftigen, statt sich „gravierenden Problemen“ im Bildungssystem zu widmen.
Hintergrund: Sprachförderung und Personalmangel
Die Debatte um eine längere Volksschule und Reformen im Kindergartenbereich fällt in eine Zeit, in der Wien mit anhaltenden Herausforderungen im Bildungsbereich kämpft:
- In den letzten Jahren ist der Anteil von Kindern, die beim Schuleintritt nicht ausreichend Deutsch sprechen, deutlich gestiegen – eine Situation, die von Bildungs- und Integrationspolitiker:innen als drängendes Problem bewertet wird.
- Es gibt zahlreiche Deutschfördermaßnahmen an Schulen, und die Anzahl der Stellen für Deutschförderunterricht wird bundesweit erhöht, doch der Bedarf bleibt groß.
- Gleichzeitig ist der Lehrkräftemangel in der Volksschule weiterhin ein Thema: Obwohl sich die Situation laut Bildungsdirektion etwas entspannt hat, sind insbesondere Grundschulen in Wien weiterhin auf zusätzliche pädagogische Kräfte angewiesen – etwa für Team-Lehrer:innen oder Sprachförderung.
Kritiker betonen, dass all diese Herausforderungen nicht allein mit Imagekampagnen gelöst werden können, sondern tiefgreifende strukturelle Maßnahmen erfordern – etwa bessere Anreize für pädagogisches Personal, verpflichtende Sprachstandserhebungen oder eine gezielte Qualitäts- und Personaloffensive.
Fazit
Die Diskussion um die Verlängerung der Volksschulzeit in Wien zeigt, wie stark Bildungspolitik und Integrationsfragen miteinander verknüpft sind. Während die NEOS-Regierung in dem Reformpaket einen Schritt zur Verbesserung der Bildungswege sieht, warnen Opposition und Experten davor, Kampagnen als Ersatz für konkrete Maßnahmen zu nutzen. Ohne zusätzliche Ressourcen, personelle Verstärkung und eine bessere Sprachförderung für Kinder bleibe der tatsächliche Nutzen solcher Reformen ungewiss.


