
MMag. Karin Hiebaum de Bauer
Ein Leben, hervorgegangen aus dem Widerstand
Die Lebensgeschichte von Käthe Sasso beginnt im Jahr 1926 in einem Österreich, das von politischen Spannungen, gesellschaftlichen Brüchen und den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs geprägt war. Geboren als Katharina Smudits, wuchs sie zwischen Wien und dem Burgenland auf – in einem kulturellen und sprachlichen Grenzraum, in dem Fragen von Identität, Zugehörigkeit und politischer Haltung früh präsent waren. Ihre zweisprachige Kindheit, insbesondere das Aufwachsen bei ihrer kroatischen Großmutter Majka, vermittelte ihr ein Verständnis von Zugehörigkeit, das sich weniger an nationalen Grenzen als an menschlichen Bindungen orientierte.
Das politische Engagement ihrer Eltern, Agnes und Johann Smudits, die sowohl dem austrofaschistischen Regime als auch dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstanden, prägte ihr Weltbild nachhaltig. Politik war in diesem familiären Umfeld kein theoretisches Konstrukt, sondern Teil des Alltagslebens – eine Haltung, die Käthes späteren Lebensweg entscheidend beeinflussen sollte.
Die Entscheidung, nicht gleichgültig zu bleiben
Nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1941 und der Einberufung ihres Vaters zur Wehrmacht befand sich Käthe Sasso im Alter von nur fünfzehn Jahren in einer existenziellen Ausnahmesituation. In dieser Phase traf sie eine Entscheidung von bemerkenswerter moralischer Klarheit: Sie verweigerte die Indifferenz gegenüber dem Unrecht.
Sie schloss sich der Widerstandsgruppe Gustav Adolf Neustadl an, einem Netzwerk von Frauen und Männern, die unter hohem persönlichem Risiko Flugblätter verteilten, verbotene Radiosender hörten und die Familien politisch Verfolgter und Hingerichteter unterstützten. Zu diesem Kreis gehörten unter anderem Emilie Tolnay, Therese Dworak, Maria Sip sowie Rosalia und Johann Graf – Persönlichkeiten, deren Namen heute stellvertretend für einen Widerstand stehen, der vielfach mit dem Tod bezahlt wurde.
Auch Käthe Sasso war sich der tödlichen Gefahr bewusst. Dennoch setzte sie ihr Engagement fort.
Haft, Gewalt und der unbeugsame Wille zum Überleben
Im August 1942 wurde Käthe Sasso im Alter von sechzehn Jahren von der Gestapo verhaftet. Es folgten monatelange Verhöre, Haftaufenthalte und Zwangsarbeit. Im Jahr 1944 wurde sie in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert, ein Ort systematischer Gewalt, Entmenschlichung und massenhaften Todes. Dort war sie Hunger, Misshandlungen und der permanenten Bedrohung des Verschwindens ausgesetzt.
Im April 1945, in der Phase des Zusammenbruchs des NS-Regimes, wurde sie zu einem sogenannten Todesmarsch in Richtung Bergen-Belsen gezwungen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Mizzi Bosch gelang ihr die Flucht und schließlich die Rückkehr nach Wien. Diese Flucht stellt keinen Akt der Begnadigung dar, sondern einen Akt der Selbstermächtigung.
Die Freiheit wurde ihr nicht gewährt – sie wurde von ihr erkämpft.
Freiheit als lebenslange Aufgabe nach 1945
Nach ihrer Rückkehr entschied sich Käthe Sasso bewusst gegen das Schweigen. Sie heiratete Josef Sasso, selbst Widerstandskämpfer, gründete eine Familie und versuchte, unter den Bedingungen der Nachkriegszeit ein neues Leben aufzubauen – wissend, dass Normalität nach der Erfahrung des Konzentrationslagers nur bedingt möglich war.
Über viele Jahrzehnte sprach sie kaum über ihre Erlebnisse. Wie bei zahlreichen Überlebenden war die Erinnerung zunächst mit Schmerz und Überforderung verbunden. Erst ab den 1990er-Jahren wandelte sich dieses Schweigen in aktives Erinnern. Käthe Sasso wurde zu einer zentralen Zeitzeugin der nationalsozialistischen Verfolgung in Österreich.
Sie hielt Vorträge, nahm an Gedenkveranstaltungen – unter anderem am Wiener Heldenplatz – teil und suchte gezielt den Dialog mit jungen Menschen. Ihr Ziel war nicht Anklage, sondern Verantwortung: Erinnerung als Prävention.
Diese bewusste Entscheidung zur öffentlichen Zeugenschaft kann als ihr tiefgreifendster Akt persönlicher Freiheit verstanden werden.
Weiblichkeit als ethische Haltung
Käthe Sasso repräsentiert keine repräsentative, ästhetisierte Form von Weiblichkeit. Vielmehr steht sie für eine widerständige, oft unsichtbare Form weiblicher Handlungsmacht: eine Weiblichkeit, die schützt, trägt und handelt, ohne sich in den Vordergrund zu stellen oder Anerkennung einzufordern.
Ihre Freiheit war keine Frage der äußeren Form, sondern der ethischen Position.
Ihre Würde speiste sich nicht aus Sichtbarkeit, sondern aus Konsequenz.
Ihr Mut manifestierte sich nicht im Pathos, sondern im Handeln.
Ihr Leben verdeutlicht, dass Weiblichkeit auch als Form moralischer Insistenz und politischer Standhaftigkeit verstanden werden kann.
Späte Würdigung, bleibendes Vermächtnis
Für ihr langjähriges Engagement in der historisch-politischen Bildungsarbeit und ihren Einsatz für Menschenrechte wurde Käthe Sasso mit dem Goldenen Verdienstzeichen der Republik Österreich, dem Berufstitel Professorin, der Rosa-Jochmann-Plakette sowie – im Jahr 2024, kurz vor ihrem Tod – mit dem Marie-Jahoda-Preis ausgezeichnet.
Käthe Sasso verstarb 2024 in Wien im Alter von 98 Jahren. Ihr Vermächtnis jedoch wirkt fort – nicht durch Monumente, sondern durch Erinnerung, Bildung und Haltung.
Schlussbetrachtung: Freiheit, Widerstand und weibliche Handlungsmacht
Käthe Sasso verkörpert zentrale Dimensionen weiblicher Freiheit im 20. Jahrhundert:
– Mut kann leise sein;
– Widerstand ist eine Form von Identität;
– Freiheit ist nicht immer sichtbar, aber stets individuell erkämpft;
– Würde kann selbst unter Bedingungen radikaler Gewalt bewahrt werden;
– Geschichte wird auch von jenen geschrieben, die nicht im Zentrum der Macht standen.
Käthe Sasso war weder berühmt noch politisch mächtig.
Doch sie war frei – selbst dort, wo Freiheit unmöglich schien.
Diese Freiheit, zutiefst menschlich und zutiefst weiblich, begründet die bleibende Bedeutung ihres Namens.


